• Peter Bichsel : Jodok, Panzernashorn

       Aus der Geschichte "Der Mann, der nichts mehr wissen wollte":     

    Panzernashorn"Und dann kaufte er sich ein Buch über das Panzernashorn. Und das Panzernashorn fand er schön. Er ging in den Zoo und fand es da, und es stand in einem großen Gehege und bewegte sich nicht.

    Und der Mann sah genau, wie das Panzernashorn versuchte zu denken und versuchte , etwas zu wissen, und er sah, wie sehr ihm das Mühe machte.

    Und jedesmal, wenn dem Panzernashorn etwas einfiel, rannte es los vor Freude, drehte zwei, drei Runden im Ggehege und vergaß dabei, was ihm eingefallen war, und blieb dann lange stehen - eine Stunde, zwei Stunden - und rannte, wenn es ihm einfiel, wieder los.  .... "Ein Panzernashorn möchte ich sein", sagte der Mann. "Aber dazu ist es wohl zu spät."

    Diese Panzernashorn-Allegorie ist irgendwie Teil meines schulpädagogischen  Lebens !!

    Ich laufe kaum Gefahr, dass die vom Panzernashorn-Syndrom betroffenen Personen sich irgendwann mal zum Lesen meines Blogs aufraffen!!

     

    In seinen Kindergeschichten bevorzuge ich den Text "Jodok lässt grüßen". ich halte ihn für ausgezeichnet, denn der Ich-Erzähler liebt seinen Großvater, der immer wieder, und zur Verzweiflung seiner Mitmenschen, von Onkel Jodok erzählt, innig und bis zum Schluss.

    "Von  Onkel Jodok weiß ich gar nichts, außer dass er der Onkel des Großvaters war.  ... Ich kenne nur seinen Namen: Jodok."

    Der Großvater verliert immer mehr den Bezug zur Realität. "Und wenn wir, seine Enkel, zu ihm kamen, fragte er nicht:"Wie viel gibt zwei mal sieben" ... sondern: "Wie schreibt man Jodok?"  Jodok schreibt man mit einem langen J und ohne CK , und das Schlimme an Jodok waren die beiden O. man konnte sie nicht mehr hören, den ganzen Tag in der Stube des Großvaters die O von Jodok.

    Und der Großvater liebte die O von Jooodoook , und sagte:

    Onkel Jodok kocht große Bohnen.

    Onkel Jodok lobt den Nordpol.

    Onkel Jodok tobt froh."

     

    Die Steigerung dieser Wortlautmalereien amüsiert mich und erinnert mich an Loriots und Ottos Mops von Ernst Jandl:

    "Onkol Jodok word ons morgen bosochon, or ost on goschoter Monn, wor roson morgon zom Onkol."

     

    Die Zuneigung des Kindes erträgt das alles:" Und wenn er auch zum Schluss nichts anderes mehr als Jodok sagte, haben wir zwei uns doch immer sehr gut verstanden. ich war sehr jung und der Großvater sehr alt, er nahm mich auf die Knie und jodokte die Jodok vom Jodok Jodok ..... und ich freute mich sehr über die Geschichte, und alle, die älter waren als ich, aber jünger als mein Großvater, verstanden nichts und wollten nicht, dass er mich auf die Knie nahm, und als er starb, weinte ich sehr." 

    Das herzzerreißende oder zumindest zu denken gebende  Ende berichte ich nicht , man sollte es selbst entdecken. 

    Für mich strahlt der Text , so klein und unscheinbar  er  daherkommt, eine sehr große Sehnsucht nach Menschenwürde und Verständnis aus.

     


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  • Commentaires

    2
    hdor Profil de hdor
    Vendredi 15 Octobre 2010 à 07:18

    Guten Morgen, danke für den Tipp. dann werde ich mich mal kundig machen.

    ich bin immer auf der Suche für meine Schüler, also eher Deutsch im Original, aber ich darf ja meine eigene Literaturseele nict vergessen!

    1
    Petit Larousse Profil de Petit Larousse
    Jeudi 14 Octobre 2010 à 20:54

    Die Axolotl-Geschichte von Julio Cortaztar ist auch nicht schlecht. Da guckt einer dem Axolotl im Aquarium so lange in die Augen, bis er sich selber durch das dickwandige Glas weggehen sieht, sie haben die Identitäten getauscht!

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